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Jonas Stamm hatte schon immer ein Händchen fürs Geschäft. Aufgewachsen ist der 31-jährige Informatiker in Schleswig, ganz im Norden Deutschlands. In der Schule schraubte er Computer zusammen und verkaufte sie an Mitschüler. Zum Informatikstudium zog er ins dänische Kopenhagen, sammelte außerdem über ein Stipendium Erfahrung an der amerikanischen Top-Universität Stanford. Ein buntes Repertoire an Start-ups hat er bereits gegründet: ein Pfandsystem für Festivals, dann eine Art „Airbnb“ für Jäger auf der Suche nach Jagdrevieren, dann ging es mit mittlerweile zwei Start-ups in die Baubranche. Crafthunt ist sein neuester Coup, eine Art Dating-Plattform für Bauunternehmen, Ingenieurbüros, Handwerksbetriebe und Arbeitskräfte. Der Clou: Der klassische Bewerbungsprozess wird auf den Kopf gestellt. Immer mehr Firmen bewerben sich über die Plattform um Fachkräfte.
Eine neue Grafikkarte, die sind mittlerweile schweineteuer geworden. Die brauchte ich, um meinem aktuellen Hobbyprojekt nachzugehen. Ich bin ein totaler Fanboy von Künstlichen Intelligenzen und trainiere verschiedene KIs für meine Zwecke. Das ist sehr rechenintensiv.
Das hört sich nicht nur nach einem Freizeithobby an.
Noch zahl ich das aus der privaten Tasche, weil ich gerade noch damit experimentiere. Aber es spielt natürlich auch meinen Unternehmungen sehr gut in die Karten.
Ich bin in einer Bauunternehmerfamilie aufgewachsen. Mein Vater hatte jahrelang ein Bauunternehmen, mein Bruder ist gerade bei einem eingestiegen. Meine Eltern haben von Anfang an gesagt: Jonas, du hast zwei linke Hände, mach bitte nichts im Bau. Aber ich kenne ich die Probleme in der Branche sehr gut. Eins der größten ist da aktuell natürlich der Fachkräftemangel. Ich habe mir überlegt, wie man dieses Problem lösen kann. Nach unzähligen Gesprächen und vielen Ideen, die unbrauchbar waren, kam ich auf die Idee eine digitale Plattform aufzubauen.
Wir sind wie Elite-Partner für den Bau. Jeder Handwerker und jedes Unternehmen haben besondere Stärken und Fertigkeiten. Die bringen wir wie eine Dating Plattform zusammen. Unternehmer legen Profil bei uns an und zeigen welche Bauvorhaben sie abwickeln, was für Gewerke sie beschäftigen, was für Gerätschaften sie haben, welche Benefits sie anbieten. Auf der anderen Seite hast du die ganzen Handwerker. Vom Baggerfahrer bis hin zum Bauleiter, jeder, der einmal im Monat Gummistiefel anhat. Die laden auch Bilder von ihrer Arbeit hoch oder von den Bauplänen, die sie erstellt haben, oder von Wettbewerben, an denen sie teilgenommen haben. Die Arbeitskräfte können sich klassisch bei den Unternehmen bewerben, die Unternehmen aber eben auch bei den Arbeitskräften.
Du kannst dich heute nicht mehr zurücklehnt und darauf warten, dass sich die richtigen Leute bei dir bewerben. Der Zug ist abgefahren, gerade im Bau. In der Softwarebranche ist das schon seit Jahren so. Es ist komplett egal, ob du Baggerfahrer oder Bauleiter bist. Du bist heiß begehrt.
Die Baubranche ist teilweise noch etwas altbacken. Viele haben noch nicht begriffen – und viele werden es auch bis zum Ruhestand nicht begreifen – dass der Arbeitnehmer- und Arbeitgebermarkt sich komplett geändert hat. Das wird viele in den Ruin treiben. Wenn du voraussetzt, dass die Leute bei dir anzutanzen haben, darfst du dich nicht darüber beschweren, wenn du keine Leute findest.
Man kann kein Freund von allen sein, wenn man bei vielen Unmut auslöst und bei vielen anderen Begeisterung auslöst, dann hat man eine gute Gratwanderung geschafft. Es gibt immer wieder Unternehmer, die sich sorgen, dass ihnen wegen uns die Leute abwandern. Aber wenn du dir Gedanken darüber machst, dass jemand abgeworben wird, bedeutet das ja, dass dein Angebot nicht dem Marktwert entspricht.
Viele deutsche Fachkräfte sind momentan schon in einer Anstellung. Da sind aber eben auch Leute bei, die latent unzufriedenen sind. Die hatten einen richtigen Scheißtag auf der Baustelle, der Vorarbeiter hat sie wieder angebrüllt oder der Chef hat sie zusammengefaltet. So jemand möchte sich vielleicht mal umschauen. Aber das kann er sehr, sehr selten auf sichere Art und Weise tun. Gerade im lokalen Gebiet dauert es keine 24 Stunden, bis dein Chef weiß, dass du dich bei anderen Unternehmen umhörst. Der wird dein Leben zur Hölle machen. Darum ist es uns wichtig, die Identität der Fachkräfte zu schützen. Du kannst informell erst einmal mit anderen Unternehmen chatten und entscheidest selbst, wann du deine Identität preisgibst.
Wir werden nicht darum herumkommen, Fachkräfte aus dem Ausland nach Deutschland zu holen. Die sind nur oft ängstlich, den Wechsel in ein fremdes Land zu riskieren, weil sie Angst haben, ausgebeutet zu werden. Da kursieren Horrorgeschichten von Insolvenzanmeldungen und nicht bezahlten Löhnen.
Bleibt die Sprachbarriere.
Crafthunt ist auf 13 Sprachen verfügbar. Eine KI übersetzt die Chats, prüft auf Rechtschreibfehlern und hilft auch bei Formulierungen. Das heißt, ich kann als deutscher Unternehmer auch in Polen, Rumänien oder Spanien fischen gehen.
Der Lohn ist als Entscheidungsfaktor mittlerweile an dritte Stelle gerutscht. Ich habe mit vielen Bauleitern gesprochen, die tatsächlich auch Lohneinbußen in Kauf genommen haben, weil sie in einem anderen Unternehmen beispielsweise Weiterbildung finanziert bekommen haben oder Mitspracherecht bei Veränderungen haben. Die ältere Generation von Bauunternehmern ist da manchmal nicht so offen. Die denkt immer noch, sie habe die Weisheit mit Löffeln gefressen möchte allein den Takt angeben.
Ich sage mal, ich würde mich ganz klar von den Marketingagenturen und Headhunter fernhalten. Das ein regelrechter Cashgrab geworden. Die nehmen viel Geld, leisten dafür aber relativ wenig. Ich würde mich als Unternehmer einfach darum kümmern, mein Unternehmen repräsentabel darzustellen, ehrlich darzustellen, nicht verschönt. In Zeiten von Instagram und TikTok wollen die Leute nicht die aufgehübschten Marketingbilder, die wollen etwas Echtes, etwas Greifbares. Die Leute müssen sich vorstellen können, bei dir auf der Baustelle zu sein oder mit den Kollegen im Büro zu sitzen. Heute ist Leute anstellen eher wie Dating als Verkaufen geworden.
Klar kann man argumentieren, Dating ist ein bisschen wie verkaufen, aber ich sage mal, es ist ein bisschen intimer. Du triffst dich mit jemandem, hörst zu, versuchst, das Gegenüber zu verstehen. Wünscht der Arbeiter sich mehr Zeit mit der Familie? Dann ist die Viertagewoche vielleicht die Antwort. Möchte der Mitarbeiter sich gerne fortbilden? Dann biete ihm vielleicht an, die Meisterausbildung zu bezahlen. Mach den Leuten Lust auf dein Unternehmen!
Zur Person: Jonas Stamm ist Informatiker und hat einen Master in Technologie und Innovation. Zunächst arbeitete er knapp ein Jahr in einem IT-Beratungsunternehmen. Seitdem gründete er verschiedene Technologie-Start-ups.
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Jonas Stamm ist Informatiker und Gründer von Crafthunt. Im Interview verrät er, wie er den Fachkräftemangel in der Baubranche bekämpft und warum Recruiting heute wie Dating ist.
Jonas Stamm hatte schon immer ein Händchen fürs Geschäft. Aufgewachsen ist der 31-jährige Informatiker in Schleswig, ganz im Norden Deutschlands. In der Schule schraubte er Computer zusammen und verkaufte sie an Mitschüler. Zum Informatikstudium zog er ins dänische Kopenhagen, sammelte außerdem über ein Stipendium Erfahrung an der amerikanischen Top-Universität Stanford. Ein buntes Repertoire an Start-ups hat er bereits gegründet: ein Pfandsystem für Festivals, dann eine Art „Airbnb“ für Jäger auf der Suche nach Jagdrevieren, dann ging es mit mittlerweile zwei Start-ups in die Baubranche. Crafthunt ist sein neuester Coup, eine Art Dating-Plattform für Bauunternehmen, Ingenieurbüros, Handwerksbetriebe und Arbeitskräfte. Der Clou: Der klassische Bewerbungsprozess wird auf den Kopf gestellt. Immer mehr Firmen bewerben sich über die Plattform um Fachkräfte.
Eine neue Grafikkarte, die sind mittlerweile schweineteuer geworden. Die brauchte ich, um meinem aktuellen Hobbyprojekt nachzugehen. Ich bin ein totaler Fanboy von Künstlichen Intelligenzen und trainiere verschiedene KIs für meine Zwecke. Das ist sehr rechenintensiv.
Das hört sich nicht nur nach einem Freizeithobby an.
Noch zahl ich das aus der privaten Tasche, weil ich gerade noch damit experimentiere. Aber es spielt natürlich auch meinen Unternehmungen sehr gut in die Karten.
Ich bin in einer Bauunternehmerfamilie aufgewachsen. Mein Vater hatte jahrelang ein Bauunternehmen, mein Bruder ist gerade bei einem eingestiegen. Meine Eltern haben von Anfang an gesagt: Jonas, du hast zwei linke Hände, mach bitte nichts im Bau. Aber ich kenne ich die Probleme in der Branche sehr gut. Eins der größten ist da aktuell natürlich der Fachkräftemangel. Ich habe mir überlegt, wie man dieses Problem lösen kann. Nach unzähligen Gesprächen und vielen Ideen, die unbrauchbar waren, kam ich auf die Idee eine digitale Plattform aufzubauen.
Wir sind wie Elite-Partner für den Bau. Jeder Handwerker und jedes Unternehmen haben besondere Stärken und Fertigkeiten. Die bringen wir wie eine Dating Plattform zusammen. Unternehmer legen Profil bei uns an und zeigen welche Bauvorhaben sie abwickeln, was für Gewerke sie beschäftigen, was für Gerätschaften sie haben, welche Benefits sie anbieten. Auf der anderen Seite hast du die ganzen Handwerker. Vom Baggerfahrer bis hin zum Bauleiter, jeder, der einmal im Monat Gummistiefel anhat. Die laden auch Bilder von ihrer Arbeit hoch oder von den Bauplänen, die sie erstellt haben, oder von Wettbewerben, an denen sie teilgenommen haben. Die Arbeitskräfte können sich klassisch bei den Unternehmen bewerben, die Unternehmen aber eben auch bei den Arbeitskräften.
Du kannst dich heute nicht mehr zurücklehnt und darauf warten, dass sich die richtigen Leute bei dir bewerben. Der Zug ist abgefahren, gerade im Bau. In der Softwarebranche ist das schon seit Jahren so. Es ist komplett egal, ob du Baggerfahrer oder Bauleiter bist. Du bist heiß begehrt.
Die Baubranche ist teilweise noch etwas altbacken. Viele haben noch nicht begriffen – und viele werden es auch bis zum Ruhestand nicht begreifen – dass der Arbeitnehmer- und Arbeitgebermarkt sich komplett geändert hat. Das wird viele in den Ruin treiben. Wenn du voraussetzt, dass die Leute bei dir anzutanzen haben, darfst du dich nicht darüber beschweren, wenn du keine Leute findest.
Man kann kein Freund von allen sein, wenn man bei vielen Unmut auslöst und bei vielen anderen Begeisterung auslöst, dann hat man eine gute Gratwanderung geschafft. Es gibt immer wieder Unternehmer, die sich sorgen, dass ihnen wegen uns die Leute abwandern. Aber wenn du dir Gedanken darüber machst, dass jemand abgeworben wird, bedeutet das ja, dass dein Angebot nicht dem Marktwert entspricht.
Viele deutsche Fachkräfte sind momentan schon in einer Anstellung. Da sind aber eben auch Leute bei, die latent unzufriedenen sind. Die hatten einen richtigen Scheißtag auf der Baustelle, der Vorarbeiter hat sie wieder angebrüllt oder der Chef hat sie zusammengefaltet. So jemand möchte sich vielleicht mal umschauen. Aber das kann er sehr, sehr selten auf sichere Art und Weise tun. Gerade im lokalen Gebiet dauert es keine 24 Stunden, bis dein Chef weiß, dass du dich bei anderen Unternehmen umhörst. Der wird dein Leben zur Hölle machen. Darum ist es uns wichtig, die Identität der Fachkräfte zu schützen. Du kannst informell erst einmal mit anderen Unternehmen chatten und entscheidest selbst, wann du deine Identität preisgibst.
Wir werden nicht darum herumkommen, Fachkräfte aus dem Ausland nach Deutschland zu holen. Die sind nur oft ängstlich, den Wechsel in ein fremdes Land zu riskieren, weil sie Angst haben, ausgebeutet zu werden. Da kursieren Horrorgeschichten von Insolvenzanmeldungen und nicht bezahlten Löhnen.
Bleibt die Sprachbarriere.
Crafthunt ist auf 13 Sprachen verfügbar. Eine KI übersetzt die Chats, prüft auf Rechtschreibfehlern und hilft auch bei Formulierungen. Das heißt, ich kann als deutscher Unternehmer auch in Polen, Rumänien oder Spanien fischen gehen.
Der Lohn ist als Entscheidungsfaktor mittlerweile an dritte Stelle gerutscht. Ich habe mit vielen Bauleitern gesprochen, die tatsächlich auch Lohneinbußen in Kauf genommen haben, weil sie in einem anderen Unternehmen beispielsweise Weiterbildung finanziert bekommen haben oder Mitspracherecht bei Veränderungen haben. Die ältere Generation von Bauunternehmern ist da manchmal nicht so offen. Die denkt immer noch, sie habe die Weisheit mit Löffeln gefressen möchte allein den Takt angeben.
Ich sage mal, ich würde mich ganz klar von den Marketingagenturen und Headhunter fernhalten. Das ein regelrechter Cashgrab geworden. Die nehmen viel Geld, leisten dafür aber relativ wenig. Ich würde mich als Unternehmer einfach darum kümmern, mein Unternehmen repräsentabel darzustellen, ehrlich darzustellen, nicht verschönt. In Zeiten von Instagram und TikTok wollen die Leute nicht die aufgehübschten Marketingbilder, die wollen etwas Echtes, etwas Greifbares. Die Leute müssen sich vorstellen können, bei dir auf der Baustelle zu sein oder mit den Kollegen im Büro zu sitzen. Heute ist Leute anstellen eher wie Dating als Verkaufen geworden.
Klar kann man argumentieren, Dating ist ein bisschen wie verkaufen, aber ich sage mal, es ist ein bisschen intimer. Du triffst dich mit jemandem, hörst zu, versuchst, das Gegenüber zu verstehen. Wünscht der Arbeiter sich mehr Zeit mit der Familie? Dann ist die Viertagewoche vielleicht die Antwort. Möchte der Mitarbeiter sich gerne fortbilden? Dann biete ihm vielleicht an, die Meisterausbildung zu bezahlen. Mach den Leuten Lust auf dein Unternehmen!
Zur Person: Jonas Stamm ist Informatiker und hat einen Master in Technologie und Innovation. Zunächst arbeitete er knapp ein Jahr in einem IT-Beratungsunternehmen. Seitdem gründete er verschiedene Technologie-Start-ups.
Über den Autor
Pascal Mühle